Gedanken und Grabrede für Astrid (28.06.2011)

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Grabrede anlässlich der Trauerfeier und Beisetzung am 28.06.2011
gehalten von Wolfgang Stromberg

Liebe Jasmin, lieber Noah!

Eure Mama war eine tolle Frau!

Liebe Gabi!

Deine Tochter war eine tolle Frau!

Liebe Familie, liebe Freunde und Kollegen!

Astrid Refosco war eine tolle Frau!

 

Wir alle haben einen wirklich tollen Menschen verloren.

 

Ich persönlich, denn ich will nur für mich sprechen, habe viel mehr als eine Kollegin verloren.

Wenn ich über Astrid nachdenke, fallen mir zwei Begriffe ein: hören und Verlässlichkeit . Wie viel wir gesprochen und gehört haben und wie sehr ich mich einfach auf sie verlassen habe.

Als wir Astrid 2002 einstellten sagten wir ihr im Vorstellungsgespräch: „Wir brauchen niemanden der Kaffee kocht, das können wir selber.“ Mal ganz abgesehen davon, dass Astrid unseren Mandanten einen ganz vorzüglichen Cappuccino bereitete entwickelte sie sich ganz rasant zu einer überaus geschätzten und kompetenten Mitarbeiterin.

Wie toll sie sich entwickelte, was sie alles schaffte, wie gut man sich auf sie verlassen konnte – das wissen die Kollegen und Mandanten bestens und die Kollegen und Mandanten haben es auf Astrids Homepage aufgeschrieben. Davon möchte ich heute nicht berichten.

Es ist zu berichten von der außergewöhnlichen Frau, die unser Leben bereicherte.

Astrid war eine couragierte Frau. Ein fröhliches Beispiel ist Ihr legendärer Auftritt als Solosängerin vor der gesamten A.S.I.-Mannschaft – davon berichtet ja auch ihre Internetseite. Wer es nicht wusste konnte bei dieser Show ihre tolle Stimme hören.

Wir, Astrid und ich, aber auch ihre beiden anderen sog. „Chefs“ Sven Jaculi und Martin Kößler saßen häufig zusammen, haben Fälle durchgesprochen, haben sie fortgebildet, auf den aktuellen Stand gebracht oder gemeinsame Aktionen besprochen. Wer es nicht kennt von den Anwesenden – es kann schon mal richtig stressig werden, wenn zig Aufgaben gleichzeitig hereinkommen und alles ist angeblich „super wichtig“. Und Astrid hat sich stets mit ihren Aufgaben identifiziert. Hat die schwierigen und unangenehmen Dinge im Büro und in ihrer Krankheit genauso mutig und tapfer gelöst wie die einfachen – da bedurfte es oft keiner Worte, da konnte man sich drauf verlassen.

Nie war ihr Schreibtisch leer, keinen Tag in den fast neun Jahren. Immer gab es mehr Aufgaben, als eine Person bewältigen kann. Dennoch ging kaum etwas schief, schafften wir, nein, sie es immer irgendwie doch noch. Astrid schien unermüdlich zu sein – vereinzelt mussten wir durchgreifen und sie nach Hause schicken, z.B. am 23.12.2008 abends um sieben.

Ihr Einsatz und ihr Engagement haben mir viel beigebracht – und dafür bin ich ihr äußerst dankbar:

Unter anderem den tiefen Respekt von der Arbeit eines jeden Mitarbeiters im Arbeitsgefüge. Es ist eben wichtig, dass auch anscheinend unbedeutende,  auch lästige Aufgaben sauber erledigt werden.

Zum anderen der mutige Umgang mit der Krankheit, ihre Entschiedenheit, ihr Widerstand gegen unverständliche Aussagen und Durchhaltevermögen nach grundsätzlichen Entscheidungen.

Das Ganze hat noch eine andere Seite: Astrid konnte nie nein sagen. Jeder hat sich einfach drauf verlassen, dass alles erledigt wird, dass sie für alle da war. Sie selbst hat sich immer zurückgenommen, hat ihre Bedürfnisse hintan gestellt.
Dabei hat sie sich gesehnt nach Erfüllung ihrer Bedürfnisse, ihrer Wünsche. Das war ihr sehr selten vergönnt – wahrscheinlich zu selten.

 

Auch habe ich von ihr gelernt den Respekt vor Alleinerziehenden.
Jasmin und Noah, wir haben Euch aufwachsen sehen – nein, wir haben Euch aufwachsen hören. Und da gab es viel zu hören! Tage an denen ständig das Telefon bimmelte – „kann ich mal Mama sprechen?“ – „der Noah hat dies gemacht“ – „die Jasmin hat jenen angestellt“ – „die Hausaufgaben sind noch nicht gemacht“ und so weiter. Wer es nicht erlebt hat weiß nicht wie schwer es sein kann einen Streit am Telefon zu schlichten. Astrid gebührt mein riesiger Respekt neben ihrem herausfordernden Beruf auch noch eine Familie als Alleinerziehende zu meistern!

Alleinerziehen und Beruf – das bedeutet Verantwortung, Verpflichtung, Vernunft – Verlässlichkeit. Ein durchgetaktetes Leben mit engem Zeitkorsett und vielen Sorgen und Zweifeln. Stets für andere da zu sein und kaum Zeit für sich selber zu haben.  In diesem Leben ist Schwäche nicht zulässig,
Astrid musste immer stark sein.

In den Gesprächen offenbarte sich gelegentlich die andere Astrid: Die, die gerne loslassen wollte, die sich gerne mal einen Tag treiben lassen wollte. Eine Astrid, die nicht täglich von Verpflichtungen aufgefressen wurde und ihre geliebten Bücher einfach mal stundenlang verschlingen durfte.
Dieser Wunsch ist ihr fast nie erfüllt worden. Die Lehre für uns lautet: Besser  hinhören und unseren Nächsten von Verpflichtungen frei machen.

Manchmal kam es mir vor als sei Astrid mit A.S.I. verheiratet. Doch sie sehnte sich sehr nach einer anderen festen Beziehung, in der sie auch mal geborgen statt verpflichtet wäre, in der sie mal schwach statt stark sein dürfte. Die ihr nachhaltig Wärme und Geborgenheit gewährte.
Es war ihr nicht vergönnt, auch weil andere Menschen ihre unbedingte Reihenfolge nicht akzeptieren wollten: Zuerst ihre Kinder.
Und der Beruf auch ganz weit vorne.

Astrid hat mir auch den Respekt vor dem Sterben und dem Leben beigebracht.
Nach der Diagnose, die mir im Urlaub mitgeteilt wurde, hängte sich Astrid mit noch größerer Vehemenz und Engagement rein, als für andere wichtige Dinge. Astrid wollte leben, sie wollte auch arbeiten als ein Sinn des Lebens, sie wollte da sein für die Kinder und ihre viel zu vielen Aufgaben.

Als klar wurde, dass sich dieser Wunsch nicht erfüllt hat sie mit Stärke die Regelung vieler anderer wichtiger Dinge angegangen. Sie hat mit ihren engen Freunden und der Familie so viele Dinge besprochen, die ein Pensum umfassen, die wir gesunden Menschen kaum schaffen können. Diese Dinge, um die die Betroffenen wissen, sind uns nun zu einer ganz wichtigen Verantwortung geworden.

Heute habe ich riesigen Respekt vor jedem einzelnen Tag, den wir gesund und fröhlich erleben dürfen. Ich verdanke Astrid einige extrem glückliche, unauslöschliche Augenblicke.

Es ist mir durch Astrids Tod etwas klarer geworden, was niemand wirklich klar sehen will: Es gibt die eine einzige Gewissheit, die 100% sicher und wahr ist – jeder von uns wird sterben.
Auch darauf kann man sich verlassen!

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Obschon ich Astrid fast jeden Arbeitstag gesehen habe, bleiben es die Gespräche, die uns verbunden haben und meine persönliche Erinnerung prägen. Wir haben werktäglich telefoniert, es war ein verbindendes Ritual auf der Fahrt in’s Büro dort anzurufen und mit Astrid einige Minuten über persönliches, privates und berufliches zu sprechen. Da kam vieles auf den Tisch, was nicht der klassischen Vorstellung von Chef und Mitarbeiterin entspricht – die Mischung war außergewöhnlich.
Ich vermisse die Telefonate mit Astrid so sehr!

Wenn ich schon keine Antwort auf das warum anbiete:

Wie können wir mit der Trauer umgehen?
Einfach vergessen?
Einfach verdrängen?
Können wir den Tod, können wir die Tote anonymisieren?
Wollen wir das?

Nein, der einzige Weg des Loslassens ist der Weg des Hervorholens. Es ist der Weg des sich Erinnerns, der Beschäftigung mit Eurer Mutter, Deiner Tochter, Ihrer Schwester, unserer Freundin und Kollegin.
Astrid hat meine Frau und mich immer wieder gefragt: „Ihr werdet mich nicht vergessen, oder?“.
Sie hat genau gewusst: „Nur wer vergessen ist ist wirklich tot.“

Die Erinnerung kann uns niemand nehmen. Wir haben zusammen viel erlebt, viel Spaß gehabt, ungezählte Gespräche geführt, Geburtstage und Hochzeiten gefeiert. Der Fundus der Erinnerungen ist riesig, auch wenn Teile vergraben sein mögen.

Wenn ich mich beschäftige mit den Erinnerungen kommt innere Freude bei mir auf, denn Freude ist die andere Seite der Trauer. Es waren und sind oft einzelne Augenblicke, die eine Erinnerung prägen.  Jeder von uns sollte diese Momente ganz bewusst suchen, konservieren und bewahren – wie einen Schatz. Dieser Schatz an Erinnerungen gehört in eine Schatulle, gut erreichbar und leicht zu öffnen. Dort können wir dann kramen, wann immer erforderlich oder gewünscht!

Diese Schatulle enthält einen schwergewichtigen Schatz, aber sie ganz ist leicht, wir tragen sie seit dem 15. Juni mit uns, immer.

Ihr beide, aber auch Du, Gabi als Mutter, Ihr Freunde und Verwandten werdet alle auch wieder tolle Erlebnisse haben und – auch wenn es heute unglaublich klingt – Ihr werdet wieder Glück erleben, glücklich sein. Werdet Euch verlieben, Erfolge feiern, lachen, jubeln und Party machen.

„Die Tote verlangt nichts,
sie enttäuscht nicht,
und beklagt sich nicht,
wenn wir sie mal einen Tag
oder eine Woche vergessen“,

so ähnlich schreibt es Hilde Domin.

„Und wenn wir einsam sind
und sie anstrahlen,
leuchtet sie mit Wärme zurück“.

Astrid, wir können Dir also sagen: Wir werden uns erinnern, werden immer wieder an die Gespräche, die liebevollen Stunden, die Diskussionen und Reibereien denken, werden uns immer wieder in einem inneren Dialog mit Dir befinden. Wir werden die wertvollen Momente hervorkramen, ein bisschen heulen, ein bisschen lachen und ein bisschen mit Dir reden.

Ich persönlich sehe darin einen tröstlichen Gedanken – wir, Astrid und ich können also immer wieder miteinander reden – ich rufe Dich jetzt halt im Himmel an.

Und, liebe Jasmin und Noah, da bin ich mir sicher: Wenn Ihr hinhört werdet Ihr Astrid, Eure Mama antworten hören! Lasst es mit Freude und Gelassenheit zu, dass die Schatulle von selbst aufspringt und Mama sich in Eure Gedanken schleicht und so Kommunikation aufnimmt.

Hilde Domin sagt es so:

„Die Tote lügt nicht
und wird auch nicht belogen“

Astrid hat uns eine anspruchsvolle Aufgabe hinterlassen: Wir Freunde haben uns um ihre Hinterbliebenen, insbesondere um Jasmin und Noah zu kümmern. Nicht mit Mitleid und falscher Betulichkeit, sondern aufrichtig, offen und ehrlich. Da wo es die beiden brauchen und möchten und da, wo es notwendig ist. Das setzt unsererseits Engagement und Zugewandtheit voraus – ich kann es auch Zuhören und Verlässlichkeit nennen – und das genau ist es doch, was uns Astrid vorgelebt hat.

Astrid, ich sag es Dir gerne noch einmal:
Wir können Dich gar nicht vergessen, DU wirst uns immer in Erinnerung bleiben. Versprochen!

 

Hilde Domin endet ihr Gedicht ungefähr so und richtet sich damit gerade an uns Freunde und Verwandte:

„Bist Du die Hand,
bist Du der Arm,
bist Du das Herz,
eines anderen Lebenden,
stirb schnell.
Dem Toten ist Ganzheit erlaubt.
Beeile Dich ein Toter zu sein.
Dem Toten
wird das Versprechen gehalten.“

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3 Kommentare zu Gedanken und Grabrede für Astrid (28.06.2011)

  1. michelle Risch sagt:

    lieber noa, liebe jasmin,
    ich war am Grab eurer mutter und ich werde euch nie vergessen…

    Es wäre schön wenn ich ein paar bilder bekäme tchüss, kuss michelle

  2. michelle risch sagt:

    leider hatte ich keine Gelegenheit mich zu verabschieden, sie war immer für mich da. trotzdem war ich an Ihrem Grab,ich bin eine nachbarin. sie war immer für mich da. liebe jasmin und noa, ich gehe zurück nach frankfurt und wäre froh wenn wir bilder austauschen könnten, ich werde euch nie vergessen, lg michelle

  3. Pingback: Astrid Refosco’s Homepage | KIT Kunst In Ton Nicole Wessels

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