Jago – Gedanken

Nicole Wessels „Jago“:
7 Kuben, Keramik, farbige Engobe, 29x45x29 cm, 2006 – 07

Die Arbeit „Jago“ beschäftigt sich mit der Vielschichtigkeit eines einzelnen Schauspiel-
Satzes in der Realität:
Herausgerissen aus dem Kontext des 1603/04 entstandenen Dramas „Othello“ von William Shakespeare entfaltet der von Jago gesprochene Satz

„There are many events in the womb of time which will be delivered.“ (I, iii)

völlig neue Deutungsmöglichkeiten, die die siebenteilige Gruppe zusätzlich ergänzt,
erweitert, aufbricht und umdeutet.
Die vielschichtige Deutung beginnt schon mit der Übersetzung des Satzes (der sich an
der 1968 erschienen englischen Ausgabe orientiert): Der Übersetzer Frank Günther
deutet ihn im Kontext des Theaterstückes so:

„Es ruht noch manches im Schoß der Zeit, das geborn werden will!“.

Doch das Wort „event“ lässt sich als (einmaliges) „Ereignis“ übersetzen oder als
(laufendes) „Geschehen“. Vielleicht wollte Shakespeare also Jago sagen lassen: „Es sind
viele Vorhaben eingeleitet, die erst die Zeit offen legt.“?
Außerhalb dieses engen Kontextes will uns die Wendung vielleicht auf die Unabwendbarkeit vieler Geschehnisse hinweisen oder nimmt Bezug auf die aktuelle Diskussion um politische Umwälzungen?
Nicole Wessels hat die Vielschichtigkeit zusätzlich in 6 Bruchstücke zerlegt:

There are m / any events / in the womb / of time whi / ch will be d / elivered.

Jeder Teil hat eigene Deutungsmöglichkeiten. Mal finden sich komplette Worte, mal nur Bruchstücke: aus „many“ wird „any“ (viele / keine).

Wessels stellt damit auch die Möglichkeiten der Verfälschung durch simple Kürzungen, durch Versetzen von Bruchstücken in einen anderen Kontext vor: Eine Methode, der sich heute Medien, Theater oder das Internet ständig bedienen: Mit neuen oder zweifelhaften Resultaten.

Aus anderer Sicht werden aus dem sinnvollen Satz scheinbar sinnlose Bruchstücke, Buchstabenreihen oder eine Buchstaben-Matrix, die den Betrachter fordert, einen Sinn zu suchen: Ist es ein (un)lösbares Tick-Tack-Spiel?

So lädt das Werk den Betrachter ein sich selbst einen Sinn zu suchen, die Aussage buchstäblich zu entziffern. Der einfache Satz mit der unabänderlichen Gültigkeit offenbart sich erst mit Geduld – genau wie der Satz selber sagt: „Mit der Zeit“

Das Werk erhält durch den siebten Teil eine ergänzende Wirkung: Dieser 7. Würfel dient dem Betrachter als Sitzplatz, hier kann er den Lauf der Zeit abwarten, kann die übrigen 6 Kuben in Ruhe entziffern oder sich mit der Übersetzung zufrieden geben.

Allen Hexaedern gemeinsam ist die Technik: Aus Ton geformte Platten bilden einen vollständig geschlossenen Körper, der bei knapp 1.300°C gebrannt wird. Der Farbauftrag ist engobiert, also mit den Trägerplatten chemisch untrennbar verbacken. Alle Würfel sind als Sitzgelegenheit geeignet, haben eine Tragkraft von weit über 90kg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.