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Eppelheimer Töpferin: Kunst kommt aus meiner Mitte

Ein sehr netter Artikel ist in den Eppelheimer Nachrichten erschienen. Diese Wochenschrift hat immerhin eine Printauflage von über 7.000 und erreicht jeden Haushalt – und wird viel gelesen.

Eppelheimer Töpferin: Kunst kommt aus meiner Mitte

Wenn die Töpferscheibe zu rotieren beginnt, sieht man die Konzentration im Gesicht von Nicole Wessels. Die Keramikmeisterin und Künstlerin zentriert zunächst einen kiloschweren Klumpen aus feuchtem Ton auf der Scheibe: „Nicht nur der Ton, auch ich muss in meiner Mitte ruhen, sonst wird mein Stück nicht rund.“ Lässt ihre Konzentration auch nur kurz nach und stimmt die Kombination von Zug und Druck nicht, dann spritzt im schlimmsten Fall die Arbeit von Stunden durch die Werkstatt. „Doch das passiert mir nicht mehr“, sagt sie lachend.

Seit über dreißig Jahren arbeitet die Oberschwäbin an der Drehscheibe und seit bald 15 Jahren in Eppelheim. Jedes Stück ist ein Unikat, jedes wird von Hand und ohne Hilfsmittel gedreht. Den Besucher im Werkstattatelier überrascht, wie gleichmäßig und formschön Teller, Tassen, geschwungene Schüsseln und alles für die Alltags- und Festtagstafel gelingt: „Hilfsmittel wie Stanzen, Formen oder gar industrielle Rohlinge sind für mich absolut tabu!“ Wessels dreht nur wenige Millimeter dick, ihre neuen, bunten Schalen sind federleicht.

Auf ihrem riesigen Arbeitstisch aus tonnenschwerem Gneis liegt eine Figur aus rötlichem Ton. „Den Sommer nutzte ich Menschen an einem See zu beobachten.“ Typische Verhalten und Motive verarbeitet die Künstlerin in einer fröhlichen Serie: Ein kraulender Sportler, eine ältere Dame mit Badehaube und tobende Kinder sind einige der Skulpturen, die durch ein blaues Spezialglas hindurch kragen. Andere turnen über Hindernisse und sollen Wände oder Regale von Kunstliebhabern zieren.

Wessels‘ Werke finden Anerkennung über Eppelheim hinaus. In Kanada, der Schweiz, Berlin und anderswo kauften Kunstfreunde ihre empathischen Figuren, die sie in ihren traditionellen Adventsausstellungen präsentiert. „Auch in diesem Jahr gibt es eine corona-konforme Ausstellung – ich öffne mein Atelier an drei Adventswochenenden durchgängig mit einem Hygienekonzept und separaten Zu- und Ausgang.“ Besucher wandeln in einem Einbahnstraßensystem vorbei an Tischen aus Keramik, Licht- und Wandobjekten – Einblicke in ein breites Schaffen der sympathischen Keramikerin. Die Wände des Ateliers in der Humboldtstr. 9 bestückt der Eppelheimer Maler Volker Neutard, den Nicole Wessels vor vielen Jahren zu einer ersten Ausstellung ermutigte – mit riesigem Erfolg.

Auf der Töpferscheibe ist inzwischen ein kreisrunder, auf dem Kopf stehender Kegel von gut 40cm Höhe entstanden. „Ein Scheibentöpfermeister muss fünfzig Zentimeter hoch drehen können – ich schaffe 120. Das Limit ist mein Ofen.“, sagt die Künstlerin und deutet auf das kleinwagengroße Monstrum, neben dem eine meterhohe, schlanke, konkave Bodenvase mit frischen Blumen steht.

Wessels dreht etwa 35 kg Ton zu einer Tischplatte mit über 80cm Durchmesser – eine Arbeit von vielen Stunden.

Mit behutsamen, aber kräftigem Druck verformt die Keramikerin den feuchten Kegel und geraume Zeit später ist eine Schale mit amorphen Formen entstanden. „Nun bedarf es noch einiger Arbeitsgänge, einigen Wochen Ruhezeit und zwei Brände im Ofen – erst dann ist das Werk ein Unikat, das den Nutzern Jahrzehnte lang Freude bereiten wird.“

Die Adventsausstellung beginnt am 5.12. in der Humboldtstr. 9 und ist jeden Tag geöffnet. Informationen auf: www.kunstinton.COM

Text & Foto: Wolfgang Stromberg

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